Daten im österreichischen Tagesjournalismus

Dass Datenjournalismus ein recht junges Feld ist, ist bekannt. Dass er im deutschsprachigem Raum noch nicht so weit ist, wie teilweise im anglo-amerikanischen Raum, ebenso. Grund genug für eine (nicht repräsentative) stichprobenartige Erhebung.

Das Setting: Analyse von datenjournalistischen Beiträgen in den Tageszeitungen Österreichs. Das Ergebnis: lau. Oder weniger. Aber der Reihe nach.

Folgenden Tageszeitung (also datiert auf Donnerstag, den 2. Oktober 2014) wurden durchsehen: Kleine Zeitung, Kronen Zeitung, Kurier, Österreich, die Presse, Salzburger Nachrichten, der Standard, WirtschaftsBlatt. Gesucht wurde nach Geschichten die mit einer „Datenvisualisierung“ aufgemacht sind. Nicht gezählt wurden Wetterberichte und Börsennachrichten, welche in praktisch allen Medien mit Liniengrafiken und Karten ausgestattet werden.

Das Feld von hinten aufgerollt …

Dem Wirtschaftsblatt hätte ich unterstellt, dass es eine hohe Affinität zu Zahlen hat – und also auch „Daten“ visualisiert. Dies war jedoch nur bei den Aktienkursen (und der Wetterprognose) der Fall. Keine sonstige Grafik. Nichteinmal die kleinste Torte.

Österreich und Krone: ebenso Fehlanzeige.

Als nächstes die Kleine Zeitung und die Presse. Beide mit einer Grafik. In der Kleinen Zeitung eine eingefärbte Österreichkarte (Choroplethenkarte), in der Presse ein Liniendiagramm. Thema beider Artikel: die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen.

Karte und Liniendiagramm
Kartendiagramm (Kleine Zeitung) und Liniendiagramm (Presse) zur Arbeistlosigkeit in Österreich

Bei den nächsten drei Tageszeitschriften (Kurier, Salzburger Nachrichten und der Standard) gab es dann schon mehr Grafiktypen. Allerdings auch hier nur zu jeweils einem einzigen Artikel. Thema dieses Artikels in allen drei Zeitungen: die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen.

Verwendete Grafiktypen: Choroplethkarte, Liniendiagramm, Tortendiagramm. Jeweils alle drei Typen in allen drei Zeitungen. Hier die betreffenden Ausschnitte…

im Kurier: Kartengrafik, Torten- und Liniendiagramm zur Arbeitslosigkeit in Österreich
im Kurier: Kartengrafik, Torten- und Liniendiagramm zur Arbeitslosigkeit in Österreich
Arbeitslosengrafik in SN & Standard
SN & Standard: Kartengrafik, Torten- und Liniendiagramm zur Arbeitslosigkeit in Österreich

Auch wenn es auf den ersten Blick Ähnlichkeiten geben mag, so sind doch frappierende Unterschiede feststellbar (not!). Betrachtet man etwa die Österreichkarten, so fällt sofort auf, dass jeweils in allen vier Fällen (inkl. Kleine Zeitung) eine andere Farbcodierung für die Bundeslandwerte verwendet wurde. Die ich allesamt für verbesserungswürdig halte.

Farbkodierung von Größen

Das Ziel dieser Karten ist es zu vermitteln, welche Bundesländern eine höhere und welche eine niedrigere Arbeitslosenrate aufweisen. Die Arbeitslosenrate ist eine Größe die theoretisch jeden Wert zwischen Null und 100% annehmen kann. Und jeder dieser Werte kann mit jedem anderen direkt verglichen und so eingeordnet werden: 10% ist mehr als 9,5% und weniger als 25%. Eine „quantitative“ Eigenschaft also.

Den Gegensatz dazu bilden „kategorisch“ und „ordinal“. Kategorisch wäre etwa die Liste der Bundesländer, die willkürlich (alphabetisch, nach Fläche oder Einwohnerzahl) sortiert werden kann, aber keine „natürliche“ Ordnung besitzt. Ordinal wäre ein Mittelding; z.B. winzig, klein, mittel, groß, riesig.

Warum dieser Exkurs? Weil diese Eigenschaften die „Skala“ bilden, nach welcher die Einheiten eingeordnet werden. Auf unserer Karte bedeutet das, dass jedem Bundesland ein Farbwert zugewiesen wird – abhängig von der jeweiligen Arbeitslosenrate. Dieses „Mapping“ (also die Zuweisung von Wert zu Farbe, auch „Kodierung“ oder mathematisch „Abbildung“ genannt) soll nach Möglichkeit die Fähigkeit des preattentive processing (siehe auch meinen Beitrag oder Wikipedia) nutzen.

Für die Kodierung von quantitativen Größen, wie unserer Arbeitslosenrate, eignen sich Farben nur bedingt (wie etwa Ricardo Mazza in seinem empfehlenswerten Buch „Introduction to Information Visualization“, Kapitel 3, beschreibt). Aber wenn schon farbliche Kodierung, dann mittels Farbintensität – und nicht Farbton (wie in allen 4 Zeitungen verwendet). Der Vollständigkeit halber: Farbtöne eignen sich fürs Mapping von kategorischen Größen.

Der Kleinen Zeitung kann man noch unterstellen, dass versucht wurde ein Ampelschema zu verwenden. Die SN und der Standard haben zumindest zwei „ähnliche“ Farben für mittel und hoch verwendet – was immer noch nicht das Bunt-Out von Vorarlberg erklärt. Und beim Kurier wurden die Bundesländer mit den höchsten Raten gleich komplett ausgegraut – also optisch unwichtig gemacht.

Ohne auf die Tortendiagramme einzugehen (meine Meinung dazu) gleich zur Liniengrafik (Presse, Kurier, SN, Standard). Offensichtlich hatten die Grafikerinnen aller vier Zeitungen die selbe Eingebung und haben nur den 1., 2., 4. und 6. Datenpunkt mit der jeweiligen Zahl versehen. Und für den finalen 7. Punkt haben sich alle ein kleines Infofenster überlegt… Aber Spaß beiseite.

Das Fazit der Stichprobe

… kann eigentlich nur lauten, dass die Österreichische Datenjournalismus-Szene (Tageszeitungen Print) von der APA angeführt wird. Was doch ein wenig nachdenklich stimmt.

Zur Ehrenrettung muss man Kurier, SN und der Standard zugestehen, dass sie offensichtlich nicht nur die APA-Meldung übernommen haben, sondern auch eigene Recherche in die Artikel gesteckt haben. So wurde von SN und Kurier unter anderem die Diskrepanz zwischen österreichischer und internationaler Zählung thematisiert (beim Kurier mit zusätzlichen Tabelle und Erklärung zu den Hintergründen, bei den SN mit Erläuterung der Befragungsmethodiken). Der Standard beauftragte das WIFO mit Berechnungen, welche die Zuwächse in Relation setzten und u.a. auch die Demographie als Erklärung anführten.

Ja, diese Stichprobe ist weit von jeglicher statistischen Aussagekraft entfernt. Trotzdem glaube ich, dass es nicht ohne jede Aussage ist, wenn quer durch alle Tageszeitungen Österreichs eine einzige Datengeschichte gebracht wird – ein von der APA vorgekauter Copy-Paste Beitrag. Aber wie davor gesagt: der Datenjournalismus ist ja (vor allem auch im deutschsprachigen Raum) noch jung 🙂

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